Harald Demuth, zweifacher Deutscher Rallyemeister, zeigte nicht nur auf den Rallyestrecken sein Fahrkönnen, sondern auch in diversen Filmproduktionen. Unvergessen der in Cannes ausgezeichnete Audi Werbesport, in dem er in Finnland mit einem Audi 100 quattro auf einer schneebedeckten Skisprung-Schanze fuhr. Aber das war nicht die einzige Filmproduktion, bei der er beteiligt war. In unserem Interview stellt er sich unseren Fragen und verrät einiges aus seiner Zeit als Stuntman.

GM: Schon als kleiner Bub bin ich mit meinem Kettcar durch den Ort gesaust und habe bereits damals die Handbremswende geübt. Wie war das bei dir, Harald?
Wie bist du zum Motorsport gekommen? Von zu Hause bin ich in keinster Weise vorbelastet. Meine Eltern standen der ganzen Sache etwas ratlos gegenüber. Wie bei den meisten Jungen war das Interesse am Auto da. Man wußte auch schon, wo die Herrschaften sind, die zügig durch die Bahnhofskurve fahren. Mit 13 oder 14 habe ich irgendwann gesagt: Das mache ich auch, ich werde Rennfahrer.

Gab es schon Trockenübungen auf den Flurbereiningungswegen oder in den Wäldern?
Eher mit dem Fahrrad. Da bin ich schon immer darauf gesessen. Wir haben uns kleine Sprung- hügel gebaut und sind Downhill gefahren. Aber immer mit Speed. Das war von Anfang an da.

Was waren deine ersten Rennautos, Rallye-Autos?
An Rallye fahren war zunächst nicht zu denken. Mit 17 oder 18 Jahren habe ich es als Copilot versucht, das war nichts für mich. Mir wird unheimlich leicht schlecht im Auto. Aber ich hatte den einen oder anderen überreden können: Gib mir doch dein Auto, setz du dich daneben hin. Es war eine Zeit des Umbruchs, weg von der Orientierung, hin zu Sprintprüfungen. Ich kann mich an die Erste erinnern. Ich dachte: Sprint, da gibst du Vollgas. Aber ich habe dann schnell gemerkt, man sollte ab und zu doch einmal bremsen. Der Besitzer, der als Copilot daneben saß, hatte wohl schon mit dem Leben abgeschlossen. (lacht)

Wie bringt man jemanden dazu, sein Auto herzugeben und sich auf den Beifahrersitz zu setzen.
Das weiß ich auch nicht. Ein Metzgermeister und Gaststättenbesitzer aus Marktredwitz hat mir sein Auto gegeben und hat sich daneben hingesetzt – er war der erster Sponsor. Es hat ihm Spaß gemacht, wenn es so flott voranging. Anfang der 70er Jahre gab es in Hammelburg eine Braun Rallye, die haben wir vorsichtshalber gleich einmal gewonnen mit seinem BMW Gruppe 1.
In der Zeit bin ich dann selber auch Bergrennen und Slaloms gefahren

Was für ein Auto hattest du für die Bergrennen?
Einen BMW 1600 ti.

1600 ti, schick. Mein erster Wagen war ein BMW 2002.
Ja, auf den bin ich dann umgestiegen, BMW 2002 ti Einspritzer. Das Geld von einem Erbe wurde sofort in ein Auto umgesetzt, zum Entsetzen meines Vaters. (lacht) Mit dem Wagen bin ich dann drei Jahre gefahren. Wie ging es weiter? Mein Vater hat mich dann auch unterstützt. Er hat sich irgendwann gewundert, warum an seinem 525er BMW plötzliche eine Anhängerkupplung dran ist. Ich sagte: Die braucht man. Weil, du fährst dann am Donnerstag los und bringst mir das Auto zur Rallye. Ein Jahr sind wir so die Deutsche Meisterschaft gefahren und dann war das Geld weg. Ich dachte: Ok, das war es. Und dann ist das eingetreten, was man sich immer erhofft hatte. Da ruft einer an und fragt, ob ich sein Fahrzeug fahren möchte. Das war der Pressechef von Toyota Deutschland. Zwei bis drei Jahre war ich mit ihnen zusammen.

Dann nahm es seinen Lauf.
Genau. Es folgten dann noch ein paar Einsätze auf Ford. Das war Ende der Siebziger. Und Dank Walter Röhrl war plötzlich der Rallye Sport in aller Munde: Audi, VW, Opel sowieso und Ford. Die Szene war im Aufbruch und Gott sei Dank habe ich die richtige Entscheidung getroffen und habe mich für Audi entschieden. Obwohl sie da noch keine Erfahrung hatten. All die anderen Teams hatten ja schon Einsätze.
Mir war das bei Audi sympathisch. In der Branche wurde schon gemunkelt, dass sie an was ganz Großem dran sind. Meine Entscheidung war richtig. Das erste Jahr fuhr ich mit dem Audi 80 und parallel wurde auch schon getestet. Wenn beim Testen irgendetwas nicht funktionierte, ging es in die technische Entwicklung. Da wurde konstruiert und paar Tage später hattest du das neue Teil. Das hat mich sehr beeindruckt. Verantwortlich war Jürgen Stockmar. Er war später bei Opel Entwicklungschef und Vorstand von Magna Steyr in Österreich. Bei ihm habe ich wahnsinnig viel gelernt.

Was mich beeindruckt ist, die Bereitschaft in irgendwelche Autos einzusteigen, die man eigentlich gar nicht kennt. Oder gar nicht weiß, wer sie gebaut hat und dann mit Vollgas loszufahren.
Dir bleibt nichts anderes übrig. Wenn du den Spleen hast, Rallye-Profi zu werden. Der Shakedown ist dann praktisch der Start zur ersten Wertungsprüfung. Du bist noch nicht einmal auf die Bremse getreten, schießt da los und hast den großen Gang drin. Du weißt nichts über die Reifen, über die Bremsen – aber das geht schon. Ich glaube als Rallyefahrer hast du den Vorteil, dass du dich eben besser aufs Auto einstellen kannst wie ein Rennfahrer. Improvisieren mit dem Auto, das ist in meinen Augen immer Rallye fahren.

Das stimmt. Für mich persönlich ist der Rallye Sport die Königsdisziplin. Wir sehen dich oft auf historischen Rallye-Veranstaltungen. Das Interesse der Zuschauer ist sehr groß. Woran liegt dieser Zuspruch in deinen Augen?
Die Gruppe-B Autos sind spektakulär. Die heutigen Autos, ich will sie nicht in die Wertung rein- bringen, es sind wahnsinnig tolle Autos. Aber wir sind gerade in der Gruppe-B Zeit, Autos gefahren, die nicht erschwinglich waren. Audi quattro, wer konnte sich den leisten? Heute fahren Sie mit Polo und Fiesta. Diese Autos wecken keine Emotionen, aber ein Audi Quattro oder Lancia Delta – das waren einfach wahnsinnige Geräte. Vielleicht ist das mit der Grund. Wenn man an Roßfeld denkt oder an die quattrolegende. Was da los ist, das ist unglaublich.

Das ist wirklich unglaublich. Gerade auch bei der quattrolegende. Wenn man sieht, wie viel Mühe und Kapital in dieses Hobby gesteckt wird. Das ist enorm.
Ich habe da auch riesengroßen Respekt. Ich werde ja oft nach den Replikas und Originalen gefragt. Original ist schon wirklich das tollste. Aber für mich ist eine Replika genauso wertvoll, weil es ja jemand bezahlen muss. Wenn derjenige glücklich damit ist, dann hat sich die Replika schon wieder rentiert. Es gibt so einen blöden Spruch: Die guten Sachen erkennt man an der Anzahl ihrer Kopien – und speziell Audi Quattro. Das ist doch ein Kompliment an die früheren Zeiten.
Ob dann jetzt jede Replika gut ist, das steht auf einem anderen Blatt. Alle reden von PS, aber auch ein Fahrwerk, Lenkung und Getriebe gehören dazu.

Du warst als Rallyefahrer, Instruktor oder sportlicher Leiter erfolgreich. Eines ist aber, glaube ich, nicht so bekannt: du fuhrst Stunts für Serien wie „Alarm für Cobra 11“ oder im Film „Manta, Manta“. Wie kam es zu dem Ausflug in die Stuntman Welt? Etwa durch Hermann Joha, Gründer der Firma Action Concept, der nur 15 Kilometer von meinem Heimatort aufgewachsen ist?
Ich war fast 25 Jahre Chef Instruktor der ADAC-Rallyeschule und da tauchte plötzlich der Name Hermann Joha auf. Vom Namen her kannte ich ihn, persönlich noch nicht. Ich fragte: Was machst du denn da? Joha antwortete: Das ist die einzige Möglichkeit, wo man auf Schotter mal trainieren kann. Du bist außerdem die Sprungschanze hochgefahren und da ist irgendwo eine Verwandtschaft zwischen uns beiden. Das war der Moment, wo wir uns kennengelernt haben. Wir haben viele Geschichten zusammen gemacht.
Mhmm, Stunts, ich nenne es lieber Präzisionsfahrten. Ich fahre ja nicht an die Wand, bin ja nicht verrückt. Aber diese Verfolgungsjagden und das Auto möglichst exakt zu platzieren, das ist Rallye fahren. Ich bin stellenweise mit sieben oder acht Leuten von der Rallye Schule oder dem Junior Cup am Set erschienen, für solche Verfolgungen. Manchmal geht es aber einfach nur darum, dass Autos bewegt werden – ohne großes Spektakel. Es hat irrsinnig Spaß gemacht.

Was war dein erster Stunt?
Da kann ich mich nicht richtig daran erinnern. Highlight war aber mit Sicherheit der Film „Manta, Manta“. Da fuhr ich eigentlich alle Autos. Ich wurde am Tag zwei bis drei Mal verändert, also andere Perücke: Du bist jetzt Klausi, jetzt bist du Bertie. Das war eine gute Aufgabe. So ist das mit den ganzen Geschichten, wie für „Alarm für Cobra 11“ oder auch für andere Produktionen, im ZDF „Und, tschüß“, oder „Sterne des Südens“. Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst.

Das sagt mir auch etwas. Aber da habe ich wahrscheinlich wieder an irgendwelchen Autos geschraubt. Action – Szenen werden akribisch vorbereitet und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Wie muss man sich so eine Aufnahme vorstellen?
Wir hatten immer einen eigenen Stunt- Regisseur oder Koordinator. Mit ihm haben wir das Drehbuch durchgesprochen. Sie haben gefragt: Wie viele Probeversuche brauchst du? Sag ich: keinen. Wenn die Kamera läuft, komme ich um die Ecken und dann passt es. Für sie war es auch toll. Du brauchst keine zehn Versuche. Das kostet ja Geld. Das sitzt dann beim ersten oder zweiten Mal. Und weiter geht es. Wie beim Rallye fahren, da hast du ja auch keine Versuche. Man fährt die Wertungsprüfung auch nicht fünf Mal Probe.

Als Audi quattro Fan bin ich neugierig, welche Automodelle hast du für deine Stunts benutzt? Gib es einen Favoriten?
Bei dem Film „Manta, Manta“ hat man diesen superduper Manta Extremumbau, den Til Schweiger fuhr. Außerdem zwei Mercedes 190er und einen Ferrari 328.

Und ab da gab es die Begeisterung für Ferrari oder war die davor schon da?
Die ist, glaube ich, bei jedem. Wer autoaffin ist und nichts mit Ferrari anfangen kann – das gibt es nicht. Ferrari ist die Marke schlechthin.

Da muss ich noch mal tief in mich reinhören.
(lacht): OK. Alles, was aus Italien kommt, ist bei mir immer positiv gesetzt. Deswegen stehen in meiner Garage auch ein paar Alfas.

Von den Motoren bin ich sehr begeistert, allerdings lässt die Verarbeitungsqualität bei den Italienern oft zu wünschen übrig. Das ist wohl eine Glaubensfrage.
Ich habe eine Guilia, Baujahr ´74. Im gleichen Jahr kam der erste Golf raus. Der hatte vorne Trommelbremsen, wenn du dich erinnerst. Der Alfa hatte 5 Gang, vier Scheiben Bremsen, Doppelnockenwellen Motor, vier Türen. Also, das war Hightech.

Das war damals die Kampfansage für den BMW 2002?
Absolut, ja. In dem Alfa habe ich einen kleinen Motor, 82 PS aus 1300 ccm. Für damalige Verhältnisse sensationell. Das macht riesig Spaß, damit zu fahren.

Das kann ich mir gut vorstellen. In Folge 7 „Rallye“ der Kultserie „Irgendwie und Sowieso“ gab es gleich zwei spektakuläre Bus-Szenen. Ich sage hier nur „Buscabrio“. Was war dein aufregendster Stunt?
Bei dieser Szene, wo es das Verdeck weg setzt, war ich nicht dabei. Da saß Hermann am Steuer. Sie hatten alles angesägt, damit das Dach auch wirklich runter saust. Irgendeine Strebe fiel dann drei Zentimeter hinter ihm mit Getöse zu Boden. Wenn ihn das getroffen hätte! Aber, das störte den Hermann weiter nicht.

Wenn du als so erfahrener und erfolgreicher Rallyepilot heute in Rennfahrzeuge einsteigst, ist es dann nur noch Routine oder macht es noch Spaß?
Ja, auf jeden Fall. Da brauche ich gar nicht lange überlegen. Man versucht, das, was man zeitlebens gemacht hat, immer noch so hinzukriegen. Ob das jetzt Sport ist, Musik oder eben Autofahren. Du versuchst, das immer möglichst gut umzusetzen. Und das macht einen Heidenspaß. Wenn ich da an Roßfeld denke. Wie der S1 vom Start loslegt . Da sitzt du drin und hast einfach nur das Grinsen im Gesicht. Ohne diese Leidenschaft brauchst du nicht mehr antreten.

Das stimmt. Ich bin jetzt einmal neugierig. Oben erwähntest du, dass du Musik machst? Mit welchen Instrumenten oder etwa Gesang?
Ich sag immer so leicht salopp: Alles, wo ich wenig Schaden anrichten kann, was die Gesamtmusik anbelangt.

Kein Schlagzeug?
Schlagzeug ist eigentlich mein Lieblingsinstrument. Ich spiele Gitarre, Bass, ein bisschen Keyboard und Schlagzeug. Wir sind zu fünft, hin und wieder treten wir auf. Aber der Spaß steht im Vordergrund.

Wie fühlt es sich an, wenn man den Motorsport noch so betreiben kann?
Es ist schon ein Privileg, das wir das machen dürfen. So ein Gespräch hatte ich einmal mit Bernd Ostmann, dem Redakteur von auto motor und sport. Er war ein sehr guter Co-Pilot, hat dann aber die Journalisten Laufbahn eingeschlagen. Bei der Unterhaltung kamen wir zu dem Schluss: Uns geht es saugut – Hobby zum Beruf gemacht. Böse Zungen behaupten, man braucht nie wieder arbeiten, wenn dein Hobby, dein Beruf ist. Wir sind schon irgendwie privilegiert. Und das ist uns auch bewusst.

Harald, vielen Dank für das interessante Interview!

[huge_it_gallery id=“3″]